Lange geplant – endlich gemacht:

Ab nach Berlin

Schon lange war es geplant, meinem Vizerölchen wieder mal die Sporen zu geben und auch mal was Neues zu zeigen. Nachdem der (kurze) Sommer anderweitig verplant war und widrige Umstände immer wieder dazwischen kamen, hatte ich kurzfristig für Mitte September geplant. Wenn das Wetter auch nur einigermaßen mitspielte, sollte es sein: Ab nach Berlin ... und darüber hinaus!

Leibwäsche für 8–10 Tage eingepackt, was Warmes zum Wechseln, alles wasserdicht verpackt, die Rollerkluft an, jeden Stauraum ausgenutzt – und am Donnerstagvormittag aufgesessen!

Über Alsfeld und Bad Hersfeld auf der Bundesstraße, wechselte ich bis Eisenach auf die Autobahn, weil der Thüringer Wald zwar reizvoll, aber auch zeitaufwendig zu queren ist. Dann aber fast Luftlinie Richtung Nordost durch das (um diese Jahreszeit) recht eintönige Thüringer Becken nach Halle. Eintönig deshalb, weil durch die LPG-Flächen von damals die abgeernteten Felder riesig waren, kaum nennenswerte Waldgebiete oder abwechslungsreiche Höhen und Täler zu durchstreifen waren. Hie und da ein lecker Thüringer Rostbratwürstchen (-Wurst trifft es besser: die sind wirklich groß) auf einer Rast, das Wetter hielt!


Verwunderte Blicke bei der Rast auf das Nummernschild – und noch mehr, als ich die geplante Reise beschrieb. Jetzt aber ab durch Halle: notdürftig geflickte Straßen mit halb bedeckten Schienen, Kopfsteinpflaster in der Innenstadt wie ehedem, eine Micker-Beschilderung: ich war froh, als ich durch war.

Also weiter Richtung Bitterfeld, und weil ich mein Ziel nicht unbedingt heute erreichen mußte, Übernachtung nahebei. 23 Euronen in einer Privatpension inkl. Frühstück gehen in Ordnung. Die Gegend war und ist Industriestandort, aber man riecht es nicht und sieht nur wenig; abgesehen von dem gewaltigen Baggermuseum des nahen ehemaligen Braunkohletagebaus mit vier riesigen Schaufelbaggern: „Ferropolis“ in Gräfenhainichen.

Wittenberg, die alte Lutherstadt, lag nur eine halbe Stunde entfernt an der Elbe. Also kulturbeflissen die Schloßkirche angeguckt, an deren Portal Luther seinerzeit das erste Poster aufhängte, in dem er u. a. die Geschäfte der Kirche mit dem Ablaßhandel anprangerte. Hübsche  und gepflegte Innenstadt – und Kopfsteinpflaster, also weiter...

... und schließlich Berlin im Sucher. Das Studentenhotel nahe Halensee an der Hubertusallee war schnell gefunden, und jetzt begann es doch tatsächlich etwas zu pieseln! Auspacken, rein in den Metrobus, der quer durch die Hauptstadt fährt zu einer ersten „Besichtigung“. Bis zum Alexanderplatz im Ostteil ging die Fahrt und ich wurde nicht müde zu gucken und zu staunen: Hamburg kenne ich, München und Köln, und ich dachte schon, die sind groß – aber Berlin ist riesig! Und grün! Noch in keiner anderen Stadt sah ich so viele Bäume und Alleen. Schon bei der Einfahrt von Südwesten her fährt mal durch schier endlose Vororte mit einzeln stehenden kleinen und größeren Häuschen, die alle irgendwie „im Wald“ zu stehen scheinen...

Dann aber packt einen das urbane Leben mit aller Macht: Autoverkehr „wie auf der Zeil“, Busse auf separater Spur mit weit mehr als 50 Sachen unterwegs, geschätzte mehr als 50% ursprünglich nicht in Deutschland Beheimatete, ein Sprachenwirrwarr an jeder Ecke: so muß es sein, wenn hier der Papst boxt!

Abseits der touristischen Routen verläuft aber auch in Berlin, zumal in der Nachsaison, das Leben wie anderswo in ruhigeren Bahnen. Jeder Stadtteil hat sein eigenes Flair, an den Ufern der zahlreichen Seen flanieren Rentner und Familien, man sitzt auf einer Bank in den Grünanlagen und kommt mit den Fremden ins Gespräch – und so man nicht gerade des Nachts in einem entfernten Problemviertel alleine ohne Ziel unterwegs ist, scheint die Stadt auch sicher.

Anderentags ging's auf eigenen Rädern kreuz und quer durch Berlin: von West nach Ost, von Nord nach Süd, dazwischen eine Runde Drachen steigen lassen auf dem aufgelassenen Flugfeld Tempelhof: ein Paradies für Skater, Radfahrer, Inliner – und Drachen, da keine Bäume stören!

Potsdam stand auch auf dem Programm, und so habe ich mir pflichtschuldigst auch den herrlichen Park von Sans Souci und das Schloß angeschaut. Auf dem Grab von Friedrich II. liegen – als Zeichen der Dankbarkeit für die Einführung der Kartoffel als Grundnahrungsmittel – immer wieder ebendiese, anstelle Blumen.

In der Nähe steht eine hübsche voll funktionsfähige Holländermühle, und wo bewegte Technik ist, bin auch ich! Der Müller stand bereitwillig Rede und Antwort, sichtlich erfreut, einen von dieser Technik nicht völlig Unbeleckten vor sich zu haben und erläuterte auch nicht Alltägliches. Von ihm stammt auch der Tip, auf meiner weiteren Reise die Wassermühle von Schwerin zu besuchen, davon weiter hinten mehr.

In Tegel den Flughafen besucht – und in der Einflugschneise haben mir bei ohrenbetäubendem Lärm und geschätzten 100 Meter über mir die Flieger ins Essen geguckt.

Das Mauermuseum mit den Resten des ehemaligen Grenzwalls in der Bernauer Straße: beeindruckendes Zeugnis des damaligen Wahnsinns, zumal ich Zeitzeuge bin und bereits 1974 erschüttert an der Mauer und in der Friedrichstraße beim „Checkpoint Charly“ stand! Heute ist dieser ein touristischer Höhepunkt auch mit seinem Mauermuseum – und daneben ein McDonald’s! „Charly“ übrigens wegen der ABC-Zählweise der drei alliierten Übergänge von West- nach Ost-Berlin seit dem Mauerbau 1961.



Der Funkturm an der Messe gab einen billigeren Rundumblick als der Fernsehturm am „Alex“, der Reichstag wirkte mit seiner imposanten Klotzigkeit etwas deplaciert, das Regierungsviertel futuristisch kühl ebenso wie die Museumsinsel. Die Museen der Stadt habe ich übrigens großzügig ausgespart, weil ich eine Stadt am besten „erfahre“ und „erlebe“, wenn ich durch die Stadtteile bummele, Leute beobachte, rieche und schmecke, was aufgetischt wird (die Currywurst am Wannsee war wirklich spitze!), die Geräusche bei geschlossenen Augen analysiere – und ein paar Schnappschüsse mache.

Ein Höhepunkt war die Tour mit einem geliehenen Segway-Roller ums und durchs Brandenburger Tor, am Reichstag vorbei in den Tiergarten und retour: ein Mords-Vergnügen! Aber auch eine nächtliche Spritztour mit meinem kleinen Viertakter über den Ku’damm von der Messe bis zur Gedächtniskirche und retour hat was für sich. Und einen Parkplatz findet man überall, im Gegensatz zu meinen 4rädrigen Mitbewerbern.



Nach vier Tagen war’s erst mal genug und weiter ging es nach Nordwest durchs Havelland. Dachte ich schon, das Thüringer Becken wäre eintönig, hatte ich nicht mit der brandenburger Havel-Ebene gerechnet. Nicht nur, daß die B5 über lange Strecken fast schnurgerade verläuft (15 km geradeaus sind nicht selten), die von teilweise uralten Bäumen gesäumten Alleen ziehen sich endlos durch eine landwirtschaftlich genutzte Flur. Die abgeernteten Felder reichen bis zum Horizont, es gibt wenige Wälder, die kleinen Dörfer sind unter der Woche verlassen und grau, selbst die wenigen Menschen erscheinen hier grau, was aber auch der herrschenden trüben Witterung geschuldet sein kann. Der „Ribbeck von Ribbeck“ kam mir in den Sinn, als ich „sein“ Dorf passierte. Ich wollte aber nicht mehr Zeit als notwendig in dieser Öde verbringen und verkniff mir den Blick auf Herrenhaus und Birnbaum.

Wer sich übrigens bei uns immer mal aufregt über Güllegeruch von einem Feld, sollte mal das nördliche Brandenburg aufsuchen: sooo lange kann man die Luft gar nicht anhalten, wie man braucht, um an diesen riesigen Flächen vorbeizufahren! Also Mundatmung ein- und Nase ausschalten.

Unmerklich veränderte sich die Landschaft und Meck-Pomm begrüßte den einsamen „Wanderer“. Die Gegend wurde lieblicher mit Knicks und Baumgruppen, Wäldern, sanften Hügelchen – und unseren Freunden und Helfern mit der Radarpistole im Anschlag, wenn nach endlosem Tempolimit die Fahrt endlich wieder freigegeben wird: Wegelagerer, aber bei 125 Kubik ist hier nicht wirklich viel zu holen.

Nach rund 220 km trudelten meine Vespa und ich in Schwerin ein und rasteten erstmal in der Nähe des schönen Schlosses. Quartier bot dankenswerterweise ein befreundetes Paar und so konnte die weitere Erkundung der Gegend starten. Die Innenstadt habe ich in unguter Erinnerung: wer dachte, das Kopfsteinpflaster der Burg Gleiberg zum Beispiel sei schlimm, wird eines Besseren belehrt. Das Meck-Pommer Pflaster besteht aus nach oben fast halbrunden Quadern von rund 20 mal 10 cm – eine Rüttelstrecke ohnegleichen. Also an die Randgebiete und die dortige Schleifmühle besichtigt.

Die Wassermühle wurde liebevoll restauriert und tut nun wieder das, was sie dreihundert Jahre lang tat: Steine zerschneiden und schleifen. Mit Hilfe von Quarzsand, stumpfen Sägeblättern, Wasserkraft und viel Zeit schnitten und schneiden die Handwerker vorwiegend Granitfindlinge in bis zu neun Scheiben: ca. 30 Zentimeter im Monat! Bei jeder Witterung und unter höllischem Lärm, 12 bis 16 Stunden am Tag, und die Platten mußten auch noch geschliffen sowie – von Hand – auf Hochglanz poliert werden. Kein Job für unsereiner...

Da das Wetter immer schöner wurde und die Vespa weiter wie eine Nähmaschine ihren Dienst versah, stand einem Ausflug an die Ostsee nichts im Wege. Doch auf halbem Wege nach Timmendorfer Strand stotterte meine Kleine plötzlich, wurde langsamer und ging schließlich aus! „Laß es nur die Kerze sein!“ dachte ich hoffend bei mir und einen Moment später hatte ich das Zündkabel bzw. den Kerzenstecker als Ursache ausgemacht. Ersatz ist immer an Bord und schon nach kurzer Zeit donnerte ich wieder Richtung Küste, zuerst nach Wismar.

Die alte Hansestadt ist kleiner als es scheint – und voller fiesem, allgegenwärtigen Kopfsteinpflaster, das wohl auch zum Versagen des Kerzensteckers beitrug. Also ab in den Hafen, einen alten Frachtsegler geentert und ein Kaltgetränk geschlabbert, einem Espresso auf der Terrasse des Italieners direkt am Hafen in der Sonne geschlürft, und dann noch weiter nach Norden auf die Insel Poel zum Timmendorfer Strand. Die Nachsaison ließ den Strand herrlich leer zurück und die paar Spaziergänger verloren sich zwischen Reet und Küste, leise plätscherte die Ostsee, die im nachmittäglichen Sonnenschein silbern bis zum Horizont schillerte.

Um noch bei Tageslicht mein Quartier zu erreichen, war’s nun aber wieder Zeit und ab ging‘s nach Schwerin, in dessen Innenstadt so manche nette Lokalität zu entdecken ist. Der „Meeecklenburger“ an sich ist ein eher ruhiger Vertreter und ähnelt in seiner Landes-Verbundenheit und vom Temperament durchaus den Hessen – also verträglich.

Nach einem opulenten Frühstück war ich „on the road“ Richtung Hamburg. Ratzeburg (genau, die mit dem seinerzeit berühmten Achter) und Mölln (Eulenspiegelstadt) wurden kurz passiert und Hamburg war schon zu ahnen. Von Osten her in die Stadt mit dem Verkehrsstrom schwimmend, ging’s an der Elbe über Landungsbrücken und Fischmarkt nach Altona zu meinem Quartier bei meinem Neffen. Praktisch, gell? Also dann wieder hier und da geguckt, hin und her gefahren, Ersatz für den neu eingebauten Kerzenstecker besorgt, durch Speicherstadt und St. Pauli gebummelt, an der Binnenalster ein Alsterwasser getrunken – Herz, was willst Du mehr?

Anderentags elbabwärts gefahren über Blankenese aufs Land nach Elmshorn und Glückstadt, wo ich übersetzte auf die andere Seite der Elbe, denn es trübte sich ein und der Rückweg stand an. In einem netten Café gleich hinterm Deich wärmte ich meine kühlen Glieder und fuhr frisch gestärkt weiter zur Finkenwerder Airbus-Werft, die man von einem kleinen Aussichtshügel gut beobachten kann. Zwei altgediente Ingenieure im Ruhestand „...kommen ziemlich regelmäßig nach hier“ und konnten wunderbar erzählen, was da so abgeht. Schön war zu beobachten, wie ein riesiger, kopflastiger „Guppy“ beladen wurde und kurze Zeit später abhob nach Lyon in Frankreich, wo große Teile des A380 montiert werden.

Jetzt aber setzte Sauwetter ein und im Regenkombi fuhr ich wieder retour zu meinem Quartier. Abends ging es „auf die Strunz“ mit meinen Gastgebern ins Portugiesenviertel am Hafen – und man versackte...

War die Weiterreise für den Samstagmorgen geplant, war doch etwas Schädelweh dafür verantwortlich, daß wir beide (meine ET4 und ich) erst gegen Mittag Hamburg hinter uns lassen konnten. Also entgegen meiner ursprünglichen Absicht auf die Autobahn nach Hannover und dann abgebogen Richtung Dortmund, weil ich sowieso nicht bei Tageslicht in der Heimat angekommen wäre. Bei Hamm habe ich die Autobahn verlassen und habe mich durchs tiefste Sauerland nach Lüdenscheid durchgeschlängelt zu meinem nächsten (kostenfreien) Nachtquartier. Glück gehabt, denn ich konnte mich nicht vorher anmelden: falsche Telefonnnummer, aber keine Probleme!

Sonntags dann wieder auf die A45 bis nach Herborn und durch die vertraute Heimat hinterm Dünsberg her ins Gießener Becken und ab nach Laubach, wo ich am Nachmittag – sehnlichst von meiner ehemaligen Verlobten erwartet – etwas rückensteif, aber rundum zufrieden ob der problemlosen, interessanten Reise wieder ankam.

Jetzt fehlen noch der Bodensee und die „richtige“ Nordseeküste, aber das ist Zukunftsmusik ... und bedarf noch etwas Überredungskunst; klappt schon irgendwann!

Also bis denne

HaJo